Darwin's Cat
The Greed Myth

The Greed Myth

Worum es geht

Es gibt eine Ansicht: Der Mensch ist in erster Linie ein wirtschaftliches Wesen. Die Haupttriebkraft ist die Suche nach Gewinn. Wirtschaftlichkeit bestimmt Werte, Beziehungen zur Welt, Beziehungen zu Menschen. Diese Ansicht ist so verbreitet, dass sie zur Grundlage einer ganzen Wissenschaft wurde. 2024 schrieben sich 40% der Studenten in Deutschland für Wirtschaftsstudiengänge ein. Zum Vergleich: 5% für Medizin. Deutschland bildet 8 Ökonomen pro Arzt aus. Das ist typisch.

Die Ökonomie ist auf einer Geschichte aufgebaut über einen Menschen, der in allem nach Gewinn sucht. Das ist der Gründungsmythos der Ökonomie. Er ist weder durch Anthropologie noch durch Geschichte bestätigt. Das ist normal für einen Mythos. Die Mythen von Sisyphos oder Herakles sind auch durch nichts bestätigt. Aber dieser Mythos ist nicht harmlos: Er liefert moralische Deckung für ganz konkrete unmoralische Praktiken.

Dieser Artikel handelt von diesen Praktiken und davon, was man ihnen entgegensetzen kann.

1. Der Mythos

Wenn man diese Zivilisation ein wenig von außen betrachtet, fällt als Erstes die Geschichte auf, die hier über den Menschen erzählt wird.

Die Geschichte geht so: Der Mensch ist von Natur aus ein Wesen, das vergleicht, tauscht und maximalen Gewinn sucht. So war es immer. Zuerst tauschten Menschen direkt — Tauschhandel. Dann erfanden sie Geld für bequemeren Austausch. Dann wuchsen Märkte, Wirtschaft, Banken, Börsen und Bitcoin. All das ist die natürliche Entwicklung der menschlichen Natur.

Diese Geschichte wird in Schulen gelehrt. Lehrbücher wiederholen sie. Die Wirtschaftstheorie ist darauf aufgebaut. Sie wird nicht als eine Hypothese unter vielen präsentiert, sondern als nüchterner Blick auf die Dinge. Realismus. Wer anders denkt — ein naiver Romantiker.

Das Problem ist: Es ist ein Märchen.

Der Anthropologe David Graeber nennt es den "Gründungsmythos der Ökonomie". Und zeigt: Die Anthropologie kennt keine einzige real dokumentierte Gesellschaft, in der eine "reine Tauschwirtschaft" existierte, aus der dann Geld entstand. Keine einzige. Dieses Schema — Tausch, dann Geld, dann Kredit — ist keine Geschichte. Es ist ein ideologisches Konstrukt, das Lehrbücher seit dreihundert Jahren wiederholen.

Wie ist das menschliche Leben also tatsächlich organisiert?

Bitte einen Kollegen um einen Schraubenschlüssel — er fragt nicht "was bekomme ich dafür?" Hilf dem Nachbarn, das Sofa zu tragen — du schickst ihm keine Rechnung. Gib einem hungrigen Freund zu essen — er unterschreibt keinen Vertrag über die Rückgabe der Kalorien.

Graeber nennt das "grundlegende Gegenseitigkeit": Wenn Menschen einander nicht als Feinde betrachten, helfen sie normalerweise, wenn die Not groß und die Kosten der Hilfe gering sind. Das ist keine Sentimentalität. Das ist die Grundlage, auf der Zusammenleben überhaupt möglich ist. Ohne sie gibt es keine Familie, keine Nachbarschaft, kein Team, keine Gesellschaft.

Die Ökonomie ist auf einem anderen Modell aufgebaut. Einem Modell, in dem der Mensch ein laufender Gewinnrechner ist.

Warum hält sich der Mythos? Nicht weil er wahr ist. Sondern weil er gebraucht wird. Er wird gebraucht, um das gesamte Konstrukt des ökonomischen Denkens zu stützen. Ohne ihn zerfällt das Weltbild, in dem der Markt der natürliche Zustand ist und alles andere eine Abweichung.

Und hier ist das Wichtige: Der Mythos ist kein harmloser Irrtum.

Wenn der Mensch "von Natur aus" nach Gewinn strebt, dann ist Gier kein Laster, sondern Norm. Dann ist Helfen ohne Berechnung Dummheit. Dann ist das Niederdrücken des Schwachen keine Gemeinheit, sondern "Wettbewerb". Dann ist ein System, das Raubtiere belohnt, nicht krank, sondern "natürlich" und "rational".

Der Mythos über die menschliche Natur liefert moralische Deckung für ganz konkrete Praktiken. "Das ist keine Grausamkeit — das ist Markt. Das ist keine Ausbeutung — das sind Anreize. Das ist kein Krieg (auch kein wirtschaftlicher) — das ist Wettbewerb. Das ist keine Gier — so sind Menschen eben."

2. Die Absurdität des Wettbewerbs

Adam Smith hat den Gründungsmythos der Ökonomie zu einer ganzen Kette entfaltet:

  1. Menschen sind von Natur aus zum Tausch geneigt

  2. Tausch führt zur Arbeitsteilung

  3. Arbeitsteilung erhöht die Produktivität

  4. Der Markt koordiniert den Austausch

  5. Der Wettbewerb wählt die Besten aus

  6. Fortschritt ist garantiert

Klingt schlüssig. Die unsichtbare Hand des Marktes.

Sagen wir es laut, ohne den ehrfürchtigen Tonfall.

Wenn zehn Zimmerleute um das Recht kämpfen, einen Nagel einzuschlagen, dann werden sie im Eifer des Gefechts zufällig den perfekten Hammer erfinden, und das Haus wird am Ende irgendwie von selbst stabiler.

Das ist so dumm, dass es peinlich ist zu erklären, warum es dumm ist.

Ein Haus wird nicht durch Kämpfen gebaut. Ein Haus wird durch Koordination gebaut. Einer gräbt das Fundament, ein anderer berechnet die Last, ein dritter schneidet die Balken, ein vierter verlegt die Leitungen, ein fünfter weiß, wo man nicht pfuschen darf. Sie arbeiten zusammen. Nicht gegeneinander — zusammen. Komplexe Dinge funktionieren so. Eine Brücke. Ein Krankenhaus. Ein Orchester. Ein Raumschiff. Überall dasselbe: Kooperation, Arbeitsteilung, gemeinsames Ziel, Vertrauen.

Und nun die Marktweisheit: Nein-nein, besser alle kämpfen lassen. Aus dem Kampf wächst von selbst etwas Gutes.

Das ist nicht nur ein Irrtum. Das ist der gesunde Menschenverstand auf links gedreht.


Gut, nehmen wir an, es ist einfach eine schlechte Art zu bauen. Aber was sagt Wettbewerb als Prinzip über den Menschen?

Wettbewerb als Prinzip ist das direkte Gegenteil von Humanismus.

Der Humanismus sagt: Unterstütze den Schwachen. Der Wettbewerb sagt: Sortiere den Schwachen aus.

Der Humanismus sagt: Ein Mensch hat Wert an sich. Der Wettbewerb sagt: Ein Mensch hat Wert, solange er gewinnt.

Der Humanismus sagt: Hilf dem Zurückgebliebenen. Der Wettbewerb sagt: Erledige den Zurückgebliebenen, er bremst das Rennen.

Und dieser Fleischwolf wird die Grundlage der Zivilisation genannt? Ernsthaft?


Aber Moment. Wenn Wettbewerb das Aussortieren der Schwachen ist, worauf stützt sich dann der Markt selbst?

Damit der Markt überhaupt irgendwie funktioniert, braucht er Dinge, die er selbst nicht schafft und nicht erklären kann. Vertrauen. Recht. Gerichte. Verbot direkter Gewalt. Ehrlichkeit. Gemeinsame Standards. Bildung. Sprache. Moral. Begrenzung von Monopolen. Schutz der Schwachen. Bestrafung von Betrug.

Nimm das weg — und der Markt wird in einer Woche zum Saustall.

Das heißt: Eine Theorie, die den Gewinn zum Hauptantrieb der Welt erklärt, benutzt heimlich Moral, Recht und Kooperation als kostenlose Stützen. Sie erklärt die Welt nicht. Sie parasitiert auf ihr. Wie jemand, der stundenlang beweist, dass Freundschaft nicht existiert, und dann Freunde um Hilfe beim Umzug bittet.


Und die letzte Pointe, geradezu karikaturhaft.

Wisst ihr, was der Sieger im Wettbewerbsrennen eigentlich will? Er will, dass der Wettbewerb aufhört. Dass niemand mehr im Weg steht. Dass er allein auf der Spitze sitzt und von allen anderen Tribut kassiert.

Sieg im Wettbewerb ist immer eine Bewegung zum Monopol. Zum Umschreiben der Regeln für sich selbst. Zum Verschließen des Eingangs für andere. Zum Recht, Preise festzusetzen und Bedingungen zu diktieren.

Der Kult des Wettbewerbs verherrlicht den Kampf, aber belohnt denjenigen, der es geschafft hat, ihn zu seinen Gunsten zu beenden.

Das ist keine Wirtschaftstheorie. Das ist ein schlechter Witz mit ernstem Gesicht erzählt.

3. Blut

Logische Dummheit — geschenkt. Menschen glaubten auch an eine flache Erde. Aber der Mythos irrt nicht nur. Er fordert Blut. Und bekommt es zuverlässig.

Denn wenn Gewinn das höchste Prinzip ist, dann hört die Schwäche anderer auf, Mitgefühl zu wecken und das Gewissen zu beunruhigen. Sie wird zur Geschäftsmöglichkeit.

Der Hunger anderer — das ist ein Markt. Die Abhängigkeit anderer — das ist ein Vermögenswert. Die Armut anderer — das ist ein Druckhebel. Die Arbeit anderer — das ist Rohstoff, den man billiger kaufen muss. Das Land anderer — das ist eine Ressourcenbasis.

Danach ist es nur noch eine Frage der Verpackung: Peitsche, Vertrag, Lizenz oder Armee.

3.1. Der Sklavenhandel

Der Sklavenhandel war kein Ausbruch mittelalterlicher Wildheit. Es war ein hervorragend organisiertes Geschäft. 12,5 Millionen wurden nach Amerika gebracht — das ist nur nach Schiffsdokumenten. Etwa doppelt so viele starben bei der Menschenjagd und beim Transport. Das wurde nicht von irgendwelchen Straßenräubern organisiert. Das war Gentlemen-Business. London, Amsterdam, Nantes. Königliche Privilegien, Monopole, Lloyd’s-Versicherungen, Aktien an der Börse. Buchhaltung, Dividenden, Aufsichtsrat. Menschen in Perücken, in Ämtern, mit tadellosem Ruf. Die Ware war der Mensch. Kein Chaos — System. Keine Wildheit — Zivilisation in ihrer ehrlichen Form.

3.2. Kongo. 19. Jahrhundert

Kongo. Ende des 19. Jahrhunderts.

Nicht das dunkle Mittelalter. Keine Horde von Wilden. Kein zufälliger Zivilisationsbruch.

Im Gegenteil: Europa bei vollem Bewusstsein, mit Krawatten, Konferenzen, Papieren und Siegeln.

Der belgische König Leopold II. erhält ein riesiges Gebiet in Zentralafrika — praktisch als seinen Privatbesitz.

Dann beginnt das Kautschukfieber. Und damit ein sehr modernes System: Verwalter, Offiziere, Quoten, Strafkommandos, Kontrolle, Berichtswesen.

Dorf hat die Quote nicht erfüllt — Geiseln, Auspeitschung, Morde.

Patronen müssen abgerechnet werden. Hände werden zum Beweis.

Sie wurden Toten abgehackt. Sie wurden Lebenden abgehackt. Erwachsenen. Kindern.

Die Zahl ging in die Millionen.

So sieht Zivilisation aus, wenn Profit wichtiger ist als Menschen.

3.3. Kongo. 21. Jahrhundert

Derselbe Kongo. 130 Jahre später.

Jetzt wird hier Kobalt abgebaut — 70% der Weltproduktion. Ohne Kobalt funktionieren keine Batterien. Ohne Batterien funktionieren Tesla, Apple, Microsoft, Samsung nicht.

In den Minen arbeiten Kinder. Sechs Jahre alt, sieben, zehn. Ohne Handschuhe, ohne Masken, im Kobaltstaub. Der Staub zerfrisst Haut und Lungen. Tunnel werden von Hand gegraben — sie stürzen ein. 12-Stunden-Schichten. Bezahlung — ein oder zwei Dollar am Tag. Formal — kein Zwang. Niemand steht mit einer Peitsche da. Es ist nur so, dass die Familie verschuldet ist, es keine Arbeit gibt, und der Zwischenhändler den Eltern einen Vorschuss gibt. Das Kind geht in die Mine, um es abzuarbeiten. Genau so sieht die freie Wahl freier Menschen aus. Wer nicht stirbt, wird zum Krüppel.

Währenddessen tanzen am anderen Ende der Kette Tesla-Roboter auf Präsentationen, schenken Champagner ein und bereiten sich auf den Flug zum Mars vor.

Amnesty International hat das dokumentiert. Familien der Verstorbenen verklagten Tesla, Apple, Microsoft und Samsung. Das Gericht wies ab: Lieferkette zu lang, direkter Zusammenhang nicht nachweisbar.

Leopold — Kautschuk — Hände. Musk — Kobalt — Kinder.

Anderes Jahrhundert. Dasselbe Land. Dasselbe Schema.

3.4. Bengalen

Bengalen, 1943. Britisch-Indien. Der Zweite Weltkrieg läuft. Japan hat Burma erobert — von dort kam der Reis. Die Briten, aus Angst vor einer japanischen Invasion, führen die Politik der verbrannten Erde durch: vernichten Boote und Reisvorräte in Küstengebieten. Ein Zyklon vernichtet einen Teil der Ernte.

Dann schaltet sich der Markt ein. Spekulanten kaufen Getreide auf. Die Preise schießen in die Höhe. Die ohne Geld können kein Essen kaufen. Essen gibt es — Geld nicht. Der Markt funktioniert perfekt: Ware geht dahin, wo mehr bezahlt wird.

Etwa drei Millionen Menschen starben.

London wusste Bescheid. Die indischen Behörden baten um dringende Getreidelieferungen. Die Anfragen wurden abgelehnt. Churchill — künftiger Literaturnobelpreisträger — antwortete: "selbst schuld, vermehren sich wie Kaninchen". Auf die Frage nach dem Ausmaß der Hungersnot soll er geantwortet haben: "Wenn es so schlimm ist, warum ist Gandhi noch nicht gestorben?"

Nobelpreisträger oben, Millionen Leichen unten, und dazwischen — kalte imperiale Buchhaltung.

3.5. Irland

Irland, 1845. Eine Insel unter britischer Herrschaft. Das Land gehört englischen Grundherren. Irische Bauern sind Pächter auf winzigen Parzellen. Das Einzige, was man auf so einem Fleckchen anbauen und eine Familie ernähren kann — Kartoffeln.

Und dann kommt die Krautfäule. Ein Pilz. Die Kartoffeln verfaulen direkt im Boden. Die Ernte von 1845 ging zugrunde. Und 1846. Und die folgenden Jahre.

Aber hier ist das Interessante: Irland produzierte zu dieser Zeit genug Nahrung. Getreide, Fleisch, Butter, Käse. Nur gehörte das alles den Grundherren und ging in den Export. Nach England. Unter Bewachung. Während die Iren verhungerten, verließen Schiffe mit Nahrung die irischen Häfen.

Die britische Regierung hielt an einem heiligen Prinzip fest: Der Markt darf nicht angerührt werden. Laissez-faire — lass es laufen, wie es läuft. Die Hilfe war minimal. Pächter, die keine Pacht zahlen konnten, wurden vom Land gejagt — direkt in die Hungersnot, mitten im Winter, mit Kindern.

Über eine Million Menschen starben. Weitere zwei Millionen wanderten aus. Irlands Bevölkerung schrumpfte um ein Viertel.

Vertrag ist heiliger als Mensch. Export ist heiliger als Leben. Der Markt fragt nicht, wer stirbt. Der Markt fragt, was bezahlt ist.

3.6. Fabriken

Und als der Markt in Europa wirklich von der Leine gelassen wurde — was kam heraus? Heldenhafte Freiheit der Handwerker?

Nein. Es kam heraus: Kinderarbeit, 14-16 Stunden am Tag, Hungerlöhne, Ausbeutungsbetriebe, Slums ohne Wasser und Licht, Profit über Sicherheit, über Gesundheit, über den menschlichen Körper.

Alles, was später durch Gewerkschaften, Gesetze und Blut errungen wurde — wurde dem "freien Markt" entrissen. Nicht als Geschenk erhalten. Entrissen.

Der Markt wird nicht von selbst menschlich. Er muss mit Gewalt weniger räuberisch gemacht werden.


Das ist das wahre Gesicht des Mythos. Nicht muntere Vorträge über Anreize. Nicht Märchen über die unsichtbare Hand. Sondern die ruhige Bereitschaft, den Schmerz anderer in eine Einnahmeposition zu verwandeln.

Und das normal zu nennen.

4. Konzentration

Gut, werden sie sagen — das ist Geschichte. Sklaverei wurde abgeschafft, Kolonien sind vorbei. Jetzt ist alles zivilisierter.

Vielleicht. Aber auch ohne Peitschen und Armeen arbeitet das System in eine Richtung.

Einfaches Beispiel. Zwei Menschen spielen ein Spiel. Münzwurf — Kopf oder Zahl. Einsatz — 1 Münze. Einer hat 100 in der Tasche, der andere — 2.

Der mit 100 kann 99 Mal hintereinander verlieren und bleibt im Spiel. Der mit 2 ist nach zwei Niederlagen raus.

Die Regeln sind identisch. Aber der Reiche hat einen Puffer für Fehler, und der Arme nicht.

Das ist Mathematik. Früher Vorteil nährt sich selbst. Und das bei absolut fairen Regeln.

Jetzt erinnern wir uns, dass echtes Geschäft nicht auf faire Regeln abzielt. Es zielt darauf ab, die Regeln für sich umzuschreiben, den Eingang für andere zu schließen und den eigenen Gewinn in die Fähigkeit zu verwandeln, weiterzugewinnen.

Selbst ohne Betrug driftet das System zur Konzentration. Mit Betrug — fliegt es.


Konzentration ist ein Mechanismus. Aber wie genau wird das Fertige ergriffen?

Eines der bekanntesten Beispiele — die Konquista. Konquistadoren sind im Volksbewusstsein Schläger mit Schwertern. Aber Cortés' Expedition war ein kommerzielles Unternehmen. Investoren. Kredite. Teilnehmer erhielten Anteile an der Beute — wie Aktionäre. 20% für die Krone. Kaufmanns-Bankiers aus Sevilla gaben Kredite auf künftiges Gold.

Die Konquista war Risikokapitalismus des 16. Jahrhunderts.

Fünf Jahrhunderte später — dasselbe Schema. Nur statt Aztekengold — das Internet.

4.1. Die Eroberung des Internets

Google hat das Internet nicht erschaffen. Es kam zum Fertigen.

Das Internet wurde von freien Menschen für sich selbst gebaut. Jeder Computer konnte ein Netzwerkknoten sein. Jeder konnte zu Hause einen Mailserver betreiben. Jeder konnte eine Website starten, eine DNS-Zone verwalten, vollwertiger Teilnehmer sein. Die Protokolle IP, TCP, DNS, HTTP — kostenlos, offen, gemeinsam. HTML, CSS, JavaScript — freie Standards. E-Mail, Foren, Chats — alles existierte vor Google.

Suchmaschinen? Yahoo und AltaVista waren vor Google da. Karten? MapQuest. E-Mail? Hotmail und Mail.com. Übersetzer? Babelfish. Werbenetzwerke? DoubleClick. Mobile Betriebssysteme? Symbian, Palm, BlackBerry. Android — Google hat es von einem Startup gekauft. Vor der iPhone-Ankündigung sahen die Prototypen aus wie BlackBerry. Danach — schnell auf iPhone umgestaltet. Der CEO von Google saß zu dieser Zeit im Aufsichtsrat von Apple. YouTube? 2006 gekauft. Inhalte werden von Millionen Menschen kostenlos erstellt. Das Geld kassiert Google. Chrome? Auf fremder Engine gebaut, 65% des Marktes erobert, diktiert jetzt Web-Standards.

Google hat nichts erfunden. Es nahm, was schon existierte, und baute eine Maschine zur Geld- und Kontrollextraktion darum herum.

Das ist keine Innovation. Das ist Eroberung.

Heute: Willst du gefunden werden — zahl an Google. Willst du dein Geschäft bewerben — zahl an Google. Willst du mit deiner Website verdienen — zahl an Google. Und die Regeln sind so gemacht, dass die Kleinen nicht durchkommen. SEO funktioniert für Giganten mit Millionen Seiten — selbst wenn es technisch eine Müllhalde ist. Für eine kleine Website mit zehn perfekten Seiten — funktioniert nicht. Tore öffnen sich nur für die, die schon groß sind.

Mit Meta — dieselbe Geschichte.

Vor Facebook war Online-Kommunikation frei. Foren — Tausende, Millionen. phpBB, SMF, myBB — kostenlos, offen, eigen. Chats, IRC, Web-Messenger. Jeder konnte eine Plattform für seine Community starten. Kommunikation gehörte den Menschen.

Facebook brachte technologisch nichts Neues. Es brachte die Technologie der Zerstörung freier Kommunikation. Die Technologie der Zentralisierung. Heute ist es für Millionen von Menschen undenkbar, einem Freund zu schreiben, ohne das mit Zuckerberg zu teilen. Undenkbar, einen Tag zu überstehen, ohne eine Portion Inhalt zu schlucken, die ein Algorithmus für dich ausgewählt hat.

Und so funktioniert dieser Algorithmus: Alles, was einbindet, steigt. Alles, was nicht einbindet, sinkt. Was bindet am besten ein? Skandal, Angst, Wut, Dummheit, emotionaler Müll. Qualitätsinhalt braucht Mühe — er sinkt. Scheiße verbreitet sich schnell — sie schwimmt oben. Das ist kein Bug. Das ist ein Geschäftsmodell.

Es ist eine Fabrik zur Extraktion menschlicher Zeit. Läuft auf Mikrodosen Dopamin. Ein Tropf. Sucht härter als bei vielen Drogen, weil sie in jede Minute des Lebens eingewoben ist. Die Opiumkriege sind ein Kindernachmittag dagegen.

Und die Menschen, die das freie Internet erschufen, haben es verloren. Ein Netzwerk, das Ingenieure, Wissenschaftler, Enthusiasten bauten — für Kommunikation, für Wissen, für Freiheit — wurde zur privaten Plantage zur Extraktion von Aufmerksamkeit und Geld.

Ein Netzwerk, geschaffen für alle, wurde von denen ergriffen, die es nicht gebaut haben.

5. Kreativität zum Verkauf

Das Internet hat die Musik wirklich demokratisiert. Jeder Musiker bekam die Möglichkeit, seine Musik auf seine eigene Website hochzuladen und Hörer weltweit zu erreichen. So war es — im freien Internet.

Im neuen Internet wird die Website eines Musikers nur von denen besucht, denen er persönlich die Adresse gegeben hat. Google bringt niemanden kostenlos. Also Mama, Oma und ein paar Freunde — und die unter Druck.

Also geht der Musiker zu Spotify. Und dort erzählt man ihm eine schöne Geschichte: Jeder kann einen Track im Schlafzimmer aufnehmen und hochladen. Tausende Künstler, Millionen Songs, endlose Auswahl. Freiheit!

Jetzt schauen wir auf die Zahlen.

Drei Labels — Universal, Sony, Warner — kontrollieren etwa 70% des Marktes. Aber das sind nicht 70% der Songs. Das sind 70% des Geldes. Und das ist noch mild ausgedrückt, denn die restlichen 30% verteilen sich auf Millionen Künstler, die Krümel teilen.

Streaming hat nicht die Machtverteilung verändert — es hat den Mechanismus des Tributeinsammelns verändert.

Früher nahm ein Musiker ein Album auf, presste CDs, verkaufte sie. Konnte touren, Merch verkaufen, davon leben. Es gab unabhängige Labels, Vertriebe, Läden. Viele Tore — viele Wege.

Heute gibt es ein Tor: Streaming. Wenn du nicht auf Spotify bist — existierst du nicht. Punkt.

Und so funktionieren diese Tore. Du lädst einen Song hoch. Er fällt in einen Ozean von hundert Millionen Tracks. Um gehört zu werden, musst du in eine Playlist kommen. Playlists werden von Spotify-Redakteuren und Algorithmen kontrolliert. Wen promoten sie? Die, die schon populär sind. Die, hinter denen ein Label mit Promo-Budget steht. Die, die für Playlist-Platzierung zahlen — ja, das gibt es.

Ein unabhängiger Künstler kann ein geniales Album aufnehmen — und 47 Plays bekommen. Nicht weil die Musik schlecht ist. Sondern weil der Algorithmus ihn nicht sieht, Playlists ihn nicht nehmen, kein Promo-Budget da ist.

Und wie viel zahlt Spotify pro Play? Etwa $0,003-0,004. Um tausend Dollar zu verdienen, braucht man 300.000 Plays. Für einen unabhängigen Künstler ist das der Weltraum.

Wo geht das echte Geld hin? Zu Labels, die Kataloge besitzen. Zu Spotify, das die Plattform besitzt. Zum Künstler — Reste.

Das ist keine Demokratisierung. Das ist Feudalismus mit benutzerfreundlicher Oberfläche. Früher kontrollierten Labels Aufnahme und Vertrieb. Jetzt kontrollieren sie die Aufnahme, und Streaming kontrolliert Vertrieb und Aufmerksamkeit. Es gibt weniger Tore, nicht mehr.

Und hier ist das Wichtige: 70% für drei Labels heißt nicht "na ja, bleiben noch 30%". Es bedeutet, dass drei Unternehmen entscheiden, was der Planet hören wird. Welche Musik Promo bekommt. Welche Künstler in Playlists kommen. Welcher Sound Mainstream wird. Die restlichen 30% sind Lärm hinter einer Wand, den fast niemand hört.

Freier Musikmarkt? Zeigt mir, wo er ist. Ich sehe drei Türme und Millionen Menschen, die ihnen für den Eintritt zahlen.

5.1. Urheberrecht

Vielleicht schützt wenigstens das Urheberrecht den Musiker?

In der Theorie — ja. Es wurde geschaffen, um den Autor zu schützen. Damit der Schöpfer für seine Arbeit belohnt wird. Damit niemand seine Arbeit stehlen kann.

In der Praxis ist das Urheberrecht eine Maschine zur Trennung von Autoren und ihrem Geld.

Wie funktioniert es? Ein Musiker unterschreibt einen Vertrag mit einem Label. Gibt die Rechte an seinen Songs ab — manchmal für immer. Das Label besitzt den Katalog. Das Label bekommt den Großteil der Einnahmen. Der Künstler bekommt Pfennige — wenn überhaupt. Wie viele Musiker sind in Armut gestorben, während ihre Songs Millionen einbrachten — nur nicht ihnen?

Dasselbe bei Büchern. Dasselbe bei Filmen. Dasselbe bei Software. Der Autor erschafft. Der Konzern besitzt. Der Autor bekommt Reste oder eine Einmalzahlung. Der Konzern kassiert jahrzehntelang Renten.

Das Urheberrecht schützt nicht den Autor. Es schützt denjenigen, der die Rechte vom Autor gekauft hat. Meistens — in dem Moment, als der Autor jung, arm und ohne Verhandlungsposition war.

Das ist kein Bug im System. Das ist seine Hauptfunktion. Ein Instrument, angeblich für den Schöpfer geschaffen, arbeitet gegen den Schöpfer — und das ist ein integraler Teil des modernen Marktes. Genauso wie Plattformkontrolle, Netzwerkeffekte und Tore.


5.2. Die, die nicht mitspielen

Allerdings gibt es die, die dieses Spiel nie gespielt haben.

Punk war von Anfang an Do It Yourself. Du schreibst, du nimmst auf, du druckst Cover, du organisierst Shows, du verkaufst Kassetten aus dem Rucksack. Keine Labels. Keine Tore. Keine Algorithmen, die entscheiden, ob du es verdienst, gehört zu werden.

Eigene Fanzines statt Musikzeitschriften. Eigene Locations statt Clubs, die 80% der Einnahmen nehmen. Eigene Vertriebsnetze — von Hand zu Hand, von Stadt zu Stadt.

Was heute auf Spotify "Punk" genannt wird — das ist die MTV-Version. Gekämmt, genehmigt, ungefährlich. Durch Tore gegangen, also — kein Punk mehr. Weil Punk kein Sound und keine Frisur ist. Es ist die Weigerung, an fremden Toren Schlange zu stehen.

Und hier ist das Interessante: Die DIY-Szene existiert bis heute. Weltweit. Kellerkonzerte, Schlafzimmeraufnahmen, Vertrieb über Bandcamp und eigene Websites, Communities, die außerhalb von Algorithmen leben. Man sieht sie nicht vom Mainstream aus — aber sie sind da. Und sie beweisen, dass Musik ohne drei Labels und ohne Streaming-Tropf möglich ist.

Nur skaliert dieser Weg nicht in Milliarden. Was bedeutet: Für den Markt existiert er nicht.

6. Skinners Tauben

Wie werden Entscheidungen in der Unternehmenswelt eigentlich getroffen? Rational?

1948 führte der Psychologe Skinner ein Experiment durch. Setzte Tauben in Käfige mit Futterspendern. Futter wurde automatisch ausgegeben, in zufälligen Intervallen. Keine Verbindung zum Verhalten des Vogels — reiner Zufall.

Nach einer Weile begannen die Tauben, Rituale auszuführen. Eine drehte sich gegen den Uhrzeigersinn. Eine andere steckte den Kopf in die Ecke. Eine dritte schlug auf bestimmte Weise mit den Flügeln. Jede "glaubte", dass genau diese Handlung Futter hervorrief. Weil sie es einmal so gemacht hatte — und Futter erschien. Post hoc ergo propter hoc. Aberglaube.

Jetzt schauen wir auf die Unternehmenswelt.

Meta entließ im November 2022 11.000 Mitarbeiter. Dann noch 10.000 im Frühjahr. Die Aktie stürzte nicht ab. Musk kaufte Twitter und feuerte 80% — von 7.500 Mitarbeitern blieben anderthalbtausend. Der Dienst starb nicht. Zumindest nicht sofort.

Und was passierte? Eine Entlassungswelle durch die ganze Branche. Google, Amazon, Microsoft — alle rannten los, um Stellen zu streichen. Nicht weil Programmierer nicht mehr gebraucht wurden. Nicht weil sie gerechnet und verstanden hatten. Sondern weil Meta es gemacht hatte — und nichts passierte. Musk es gemacht hatte — und nichts passierte. Also ist es erlaubt. Also muss es sein. Und danach — kleinere Unternehmen. Die ohne Metas Größe oder Googles Polster. Aber wenn die Großen kürzen — muss es richtig sein. Kopierten das Muster, ohne zu verstehen warum.

Die Taube dreht sich gegen den Uhrzeigersinn. Futter erscheint. Funktioniert.

Amazon ging in die Cloud und verdiente Milliarden. Fünf Jahre später zog die halbe Branche zu AWS. Nicht weil es technisch die beste Lösung für jeden Fall ist. Nicht weil sie sich hingesetzt und verglichen haben. Sondern weil "Amazon es gemacht hat und Geld verdient". Post hoc ergo propter hoc.

Unternehmen kopieren einander wie Tauben ein zufälliges Muster kopieren. Open Space — weil Google. Kostenlose Snacks — weil Google. Agile — weil jemand sagte, es funktioniert. OKR — weil Google. Entlassungen — weil Meta und Musk. Rückkehr ins Büro — weil alle zurückkehren.

Niemand fragt: Ist das wirklich die Ursache des Erfolgs? Oder Korrelation? Oder Zufall?

Amazon verdient an der Cloud. Aber Amazon ist auch ein riesiger Laden, Prime, Logistik, tausend andere Dinge. Vielleicht funktioniert Cloud für Amazon, weil es Amazon ist? Nicht weil Cloud Magie ist?

Musk feuerte 80% von Twitter — und der Dienst funktioniert. Aber vielleicht funktioniert der Dienst, weil dieselben Leute, die er gefeuert hat, ihn jahrelang gebaut haben? Und die Trägheit des Systems trägt noch ein, zwei Jahre, bis alles anfängt zu bröckeln?

(Spoiler: Es bröckelte. Werbekunden gingen, Umsatz brach ein, Unternehmensbewertung fiel auf ein Drittel, qualitative Nutzer flohen, Spam und Bots vermehrten sich)

Aber wen interessiert das? Die Taube dreht sich. Futter erscheint. Muss funktionieren.


Unternehmenskultur ist eine Maschine zur Produktion von Aberglauben. Erfolg ist zufällig — aber wird im Nachhinein erklärt. Misserfolg ist zufällig — aber ein Schuldiger wird gefunden. Und alle werden den Sieger kopieren, ohne zu verstehen, was genau er richtig gemacht hat. Oder ob er überhaupt etwas richtig gemacht hat.

Post hoc ist nicht propter hoc. Aber das ist ein zu komplexer Gedanke für eine Taube.

7. Trotzdem

Nach all diesem Dreck möchte man fragen: Was funktioniert überhaupt? Wenn der Markt Konzentration, Eroberung, Aberglaube und Blut ist, worauf steht die Zivilisation dann eigentlich?

Die Antwort ist einfach: Auf dem, was trotz des Marktes funktioniert. Oder ganz ohne ihn.


Ein Kind wird nicht vom Markt großgezogen. Eltern stehen nicht nachts für das Baby auf, nachdem sie den ROI berechnet haben. Füttern es nicht, weil es eine gute Investition ist. Bringen ihm nicht das Laufen bei, weil sie Dividenden erwarten. Ein Kind bedeutet Jahre der Arbeit, Schlafentzug, Sorge und Liebe. Kostenlos. Ohne Vertrag. Ohne KPIs.

Sprache wurde nicht für Profit geschaffen. Niemand hat Deutsch patentiert und kassiert Lizenzgebühren für jedes Wort. Sprache ist Jahrtausende kollektiver Arbeit, kostenlos weitergegeben. Jeder erhält sie kostenlos und gibt sie kostenlos weiter.

Wissenschaft wuchs nicht aus Gier. Kopernikus war Domherr — betrieb Astronomie in seiner Freizeit. Galilei lebte von Universitätsgehalt und Hofpatronage. Newton war Professor, dann Staatsbeamter. Einstein schrieb über Relativität, während er im Patentamt arbeitete — nicht in einem Risikokapitalfonds namens "Raumzeit-Monetarisierung".

Grundlagenforschung steht immer noch auf Universitäten, staatlichen Förderungen, öffentlichen Institutionen. Nicht auf dem Markt. Der Markt kommt später — wenn es etwas zu monetarisieren, patentieren, wegzuschließen und zu verkaufen gibt.


Jetzt schauen wir auf Technologie.

Linux. Eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Welt. Server, Clouds, Android, Supercomputer, Router, Fernseher, Kühlschränke — alles läuft auf Linux. Milliarden Geräte. Billionen Dollar Geschäft auf diesem Fundament gebaut.

Wer hat das geschaffen? Ein Konzern mit KPIs und Performance-Boni?

Nein. Tausende Menschen auf der ganzen Welt. Schrieben Code, stritten, fixten Bugs, dokumentierten, testeten — Jahre, Jahrzehnte lang. Nicht weil vor jedem ein Sack Gold baumelte. Sondern weil sie eine gute, funktionierende, freie Sache machen wollten. Weil sie Handwerk liebten. Weil sie teilen wollten. Weil sie glaubten, dass Wissen nicht unter Verschluss sitzen sollte.

Das ist keine Wohltätigkeit. Das ist ein anderes Wertesystem. Ein paralleles Universum, in dem Qualität, Freiheit und gemeinsamer Nutzen mehr zählen als schneller Profit.

SQLite — ein weiteres Beispiel. Eine kleine, zuverlässige, einbettbare Datenbank. Ohne Hype, ohne Marketing. Einfach eine gut gemachte Sache.

Worauf läuft sie? Auf jedem Android. Auf jedem iPhone. Auf jedem Mac. In Chrome, Firefox, Safari. In Adobe, in Skype, in tausenden Anwendungen. Milliarden Geräte. Milliarden Dollar mit Produkten verdient, die SQLite nutzen.

Wie viel von diesen Milliarden bekamen die Schöpfer? Fast nichts. Sie machten es nicht für Geld. Sie machten es, damit es eine gute, zuverlässige, kostenlose Datenbank für alle gibt.

Und darauf steht die digitale Welt tatsächlich. Nicht auf Marktmagie. Auf der Arbeit von Menschen, die beschlossen zu teilen, nicht zu verkaufen.


Der Markt schreibt sich gern all das als Verdienst zu.

Das Schema ist einfach. Zuerst erschaffen Enthusiasten, Wissenschaftler, Ingenieure, Communities etwas Nützliches. Aus Neugier, aus Berufsstolz, aus dem Wunsch, die Welt besser zu machen. Kostenlos oder für bescheidene Gehälter.

Dann kommt der Markt. Nimmt das Fertige. Baut eine Plattform, einen Dienst, ein Produkt darüber. Stellt eine Kasse am Eingang auf. Schließt den Zugang. Monetarisiert. Patentiert. Lizenziert.

Und erzählt dann noch, dass er das alles geschaffen hat. Dass ohne die heilige Motivation des Profits nichts existieren würde. Dass der Markt die Quelle der Innovation ist.

Es ist, als käme ein Plünderer in ein gebautes Haus, hängte ein Schloss an die Tür und erklärte sich zum Architekten.


Und so entsteht ein seltsames Bild.

Alles Wichtigste in der menschlichen Zivilisation wurde entweder außerhalb des Marktes oder trotz ihm geschaffen. Sprache, Wissenschaft, Kindererziehung, grundlegende Technologien, fundamentales Wissen, offene Standards, freie Software — all das sind Früchte von Kooperation, Neugier, Berufsstolz und dem Wunsch zu teilen.

Der Markt kann etwas anderes. Er kann zum Fertigen kommen, eine Kasse aufstellen und sich zur Quelle von allem erklären. Kann Zugang verschließen, Tore bauen, Renten kassieren. Kann die Geschichte umschreiben, als gäbe es ohne Gier nichts.

Aber das ist eine Lüge. Gier ist ein schlechter Baumeister. Sie ist ein guter Eroberer. Ein guter Parasit. Aber sie baut nicht.

Bauen tun die, denen es nicht egal ist.

8. Was tun

Hier wird es unangenehm.

Nach all dieser Anatomie will man etwas Aufmunterndes sagen. Bringen wir den Markt zurück an seinen Platz als Werkzeug. Begrenzen wir die Gier durch Recht. Bauen wir ein gerechtes System. Alles wird gut.

Wird es nicht.

Das Problem ist tiefer. Das ist kein Defekt, den man reparieren kann. Das ist das Gefangenendilemma, ausgebreitet über die gesamte Zivilisation.

Das Gefangenendilemma ist ein klassisches Problem aus der Spieltheorie. Zwei werden verhaftet. Jeder kann schweigen oder den anderen verraten. Wenn beide schweigen — bekommen beide wenig. Wenn beide verraten — bekommen beide viel. Aber wenn einer schweigt und der andere verrät — geht der Verräter frei, und der Ehrliche bekommt das Maximum. Die rationale Wahl für jeden ist zu verraten. Selbst wenn beide verstehen, dass gegenseitiges Schweigen für beide besser wäre.

Das System ist so aufgebaut, dass es Edelmut bestraft. Lügst nicht — verlierst gegen den, der lügt. Drückst den Schwachen nicht — verlierst gegen den, der drückt. Handelst nicht mit deinem Gewissen — verlierst gegen den, der handelt. Spielst fair — verlierst gegen den, der betrügt.

Ein Mensch, der sich weigert, ein Raubtier zu sein, sieht in diesem System zu oft nicht wie ein Held aus, sondern wie ein Idiot. Nicht weil er schlecht ist. Sondern weil der Mechanismus selbst darauf ausgelegt ist, anständige Menschen zu Rohstoff für die Dreisten zu verarbeiten.

Es gibt keine elegante technische Lösung. Es gibt keinen Knopf, nach dessen Druck ein räuberisches System plötzlich einwilligt, freundlich zu sein. Es gibt kein Gesetz, das den Kult des Gewinns abschafft, wenn er schon in Köpfen sitzt, in Gewohnheiten, in der Sprache des Erfolgs, in Schulträumen, in der Vorstellung davon, was ein "starker Mensch" bedeutet.


Aber daraus folgt nicht, dass alles gesprengt werden muss.

Das wäre zu einfach und zu dumm. Die Geschichte zeigt klar: Wenn große Systeme in blindem Zorn niedergerissen werden, verschwindet die Macht nicht. Sie kriecht zu den noch Grausameren, Dümmeren und Hungrigeren. Neue Raubtiere ersetzen die alten, meist schlimmer als die vorherigen. Chaos wird selten zum Paradies. Öfter — zur Nahrungsbasis für die nächsten Schlächter.

Revolutionen fressen ihre Kinder. Das ist keine Metapher. Das ist Statistik.


Also liegt der Ausweg nicht in der Zerstörung. Und nicht in der Unterwerfung.

Der Ausweg liegt in der Zersetzung.

Wie Rost Eisen zersetzt. Wie Wurzeln Beton sprengen. Wie eine andere Logik langsam die alte Logik nicht mehr zur einzigen macht.

Linux ist eines der besten Beispiele dafür, wie das funktioniert.

Die IT-Welt ohne Linux, ohne Git, ohne freie Bibliotheken, ohne offenen Code wäre viel bösartiger, dümmer, teurer und härter. Viel mehr Macht säße in geschlossenen Türmen. Kommerzielle Software wäre viel schlechter — weil sie keinen lebenden Konkurrenten nebenan hätte. Nicht nur technisch — moralisch.

Linux hat die digitale Welt nicht zersetzt, weil es den Markt mit seinen eigenen Waffen schlug. Sondern weil eine riesige Zahl von Menschen ein sehr einfaches "Nein" sagte.

Nein zum Kult der Verschlossenheit. Nein zur Idee, dass Wissen unter Verschluss sitzen muss. Nein zur Vorstellung vom Menschen als Wesen, das sich nur für Geld bewegt.

Sie fingen einfach an, gute, schöne, gebrauchte Dinge zu machen. Weil sie Handwerk liebten. Weil sie teilen wollten. Weil sie nicht in einer komplett asphaltierten Welt der Konzernwiderlichkeit leben wollten.


Das ist der eigentliche Ausweg.

Nicht der Endsieg des Guten unter Fanfaren. Nicht eine magische Reform von oben. Nicht ein großer Tag, nach dem die Menschheit plötzlich aufhört, sie selbst zu sein.

Sondern etwas Einfacheres und Schwereres.

Immer mehr Menschen beginnen zu verstehen, dass Tapferkeit nicht heißt, mit achtundzwanzig eine Million zu machen. Nicht, zu lernen, Leere schön zu verkaufen. Nicht, ein erfolgreicher Räuber mit höflichem Lächeln zu werden.

Tapferkeit heißt, Mensch zu bleiben in einer Welt, die jeden Tag darauf drängt, zur Funktion des Gewinns zu werden.

Sich nicht für Komfort zu verraten. Widerliches nicht als normal zu akzeptieren. Nicht anzufangen, das zu bewundern, was Ekel hervorrufen sollte.


Dann kommt das Wichtigste.

Wenn solche Menschen das nicht nur in sich verstehen, sondern beginnen, so zu leben. Jeden Tag. In ihrem kleinen Raum.

In ihrer Familie. Im Freundeskreis. In ihrer Schule.

In ihrem Verein. In ihrer Werkstatt. In ihrem Code.

In ihrem kleinen beruflichen Umfeld. In ihrer Behandlung der Jüngeren, Schwächeren, Abhängigen, Neuen. In der Art, wie sie erklären, teilen, lehren, reparieren, bauen, einstellen.

So werden kleine Welten geboren — eigene Mikro-Universen.

Anfangs sind sie winzig. Manchmal nur zwei oder drei, die vereinbart haben, nicht nach viehischen Regeln zu leben. Manchmal ein Projekt. Manchmal eine Community. Manchmal eine Berufsethik. Manchmal ein Stück Internet, wo man noch atmen kann. Manchmal eine Familie, die den Markt nicht am Küchentisch reproduziert.

Die meisten dieser Welten werden keine Imperien. Und gut so. Ihre Aufgabe ist nicht, den Planeten zu erobern. Ihre Aufgabe ist, praktisch zu beweisen, dass Menschen nicht auf Gewinn reduzierbar sind. Dass gute Arbeit nicht nur aus Angst und Geld geleistet werden kann. Dass Wissen nicht versteckt werden muss. Dass Stärke begrenzt werden kann. Dass der Schwache nicht zerdrückt werden muss.

Dann beginnen solche Welten, einander zu erkennen. Sich zu verbinden. Menschen, Bedeutung, Werkzeuge auszutauschen. Aus Vereinen wachsen Communities. Aus Communities — Ökosysteme. Manche wachsen zur Größe von Linux. Manche darüber hinaus.

Und dann bekommt die Welt der Raubtiere einen wirklich gefährlichen Feind. Nicht noch einen Tyrannen. Nicht noch eine Partei. Nicht noch einen Kraftkult. Sondern eine parallele Zivilisation der Werte, die weiß, wie man lebt, ohne der Gier zu huldigen.


Das ist kein schneller Weg. Das ist kein spektakulärer Weg.

Das ist der Weg der Starrsinnigen, Standhaften, oft undankbar Beschäftigten. Derer, die nicht einen Turm für sich bauen, sondern ein Umfeld für andere. Derer, die verstehen, dass manchmal die wichtigste politische Tat nicht ist, ein Ministerium zu erobern, sondern nicht noch ein Stück Welt zum Markt der Erniedrigung werden zu lassen.

Nicht zerstören um der Freude am Zerstören willen — die Geschichte hat zu oft gezeigt, wie das endet. Nicht vom Chaos träumen, aus dem angeblich Freiheit geboren wird — aus Chaos wird meist ein neuer Schlächter geboren.

Sondern Welten um sich herum wachsen lassen, in denen ein Mensch Mensch bleibt. Wo nicht alles verkäuflich ist. Wo nicht jede Schwäche eine Niederlage ist. Wo Wissen nicht nur Ware ist. Wo der Starke nicht immer recht hat. Wo Anstand nicht zur Form von Dummheit erklärt wird.


Das ist die eigentliche Arbeit.

Keine Hysterie. Keine Barrikadenromantik. Keine neue Religion.

Langsamer Aufbau von Welten, in denen Würde mehr zählt als Gewinn.

Solche Welten scheinen anfangs klein. Dann stellt sich heraus, dass genau sie den Himmel halten.

So wird es sein.

Oi!